Wenn es um gestandenen Crossover geht, so sind Wirksystem seit 1995 definitiv eine der Bands, die man im deutschsprachigen Raum unbedingt beachten sollte. Seit 1995 ist die dreiköpfige Formation um Christopher Fuhrhop (Gesang, Drums und Samples), Silvester Fuhrhop (Gitarre und Gesang) und last, but not least Jörg Weissmann (Bass). Als eine der ersten Bands, die nach dem Motto geht, ihre Musik kostenlos ihrem Publikum zur Verfügung zu stellen und somit dem Denken des MPFREE zu frönen. Mit dem Release 24h Wirksystem noch vor 1995 den Grundstein für ihre Veröffentlichungen gelegt, sind weitere Alben wie Die Erste (Juli 1995), Märchenstunde (Februar 1997) und Nullachtfufzehn (1999) noch in den 1990er Jahren entstanden und neben Weiter (Oktober 2001) Burn It (Juni 2003)  oder Feuertaufe (2004) alle kostenlos zum Download erhältlich. Insgesamt sind es dreizehn Titel sind es nun, welche Wirksystem auf ihrem 12. Album Hawaii, welches laut Webseite der Band bereits im Mai 2010 veröffentlicht wurde und nun erneut aufblüht.

Mit einer Spielzeit von knapp etwas über einer halben Stunde, ist Hawaii von Wirksystem ein von der Spielzeit bemessenes kurzes Album, aber dafür eines, welches voller Höhepunkte ist und die sich alle, wie für Crossover typisch, den verschiedensten Genre Überschneidungen bedienen. Mit dem Intro, welches zugleich auch dem Album Hawaii seinen Namen verliehen hat und das durch eine liebliche Spieluhr Melodie seine Wirkung entfaltet, Featuren Wirksystem – Shlagwerk und man stellt sich die Frage, ob es sich hierbei um eine generische Spieluhr handelt mit festen Melodien, oder ob Wirksystem hier einen Sampler / Synthesizer verwendet haben? Jedenfalls wird die Illusion der liebevollen und zärtlichen Klangästhetik schon nach wenigen Augenblicken zerstört, als Wirksystem dann ordentlich loslegen und fast schon Avant Gardistisch den eigentlichen Opener einleitend und in die Schlacht ziehen. Unter Begleitung von verzerrten Synthesizern gibt es vom Sänger eine ganz klare Absage an den Kommerz und an angepasste Musiker, die für Kohle alles machen. Tja, sch**** Kapitalisten wa? Nein jetzt mal spaß bei Seite, was Wirksystem hier ablassen, das hat Hand und Fuß und ist ein Genreübergreifender Stilmix! Leitet der Song mit einem Industriallastigen Synthesizersound ein, bis nach seinen ersten Takten dann eine mächtige Wand aus Bass und Gitarren, die einfach nur rocken und eingängig auf den Zuhörer wirken. Im mittleren Tempo gehalten, lassen Wirksystem auf wirkungsvolle Art und Weiße verschiedene Stilelemente in diesen Song einfließen und setzen bereits bei der ersten Strophe Elemente des Hip Hop ein, den sie hier mit einer Heavy Rock / Industrial Melange verknüpfen. Wenn es um guten Crossover geht, zieht man mit Wirksystem garantiert den Hauptgewinn! So erweisen sich unsere Musikrebellen als virtuose Komponisten und Texter, die hier eine ganz klare Kampfansage an alljene aussprechen, die Musik nur des Geldes wegen machen. Eine sehr löbliche Einstellung. Lyrisch-inhaltlich, sowie musikalisch gehen Wirksystem gut ins Ohr und bieten auf Hawaii doch eine Wundertüte voller musikalischer Inspiration, die es in sich hat.

Im Refrain hauen Wirksystem einfach mal epische Streicherfanfaren raus und klingen dabei noch epischer. Bis sie wieder zum Hip Hop rübergehen und Hardcore Punk Anleihen einbauen. Verdammt Wie geil ist das ? Das ist episch! Der Hörer wird direkt mit musikalischem Talent und instrumentaler Vielfalt verwöhnt. ,,Solange du den Schmerz spürst, lebst du noch!“ heißt es an einer Stelle. Ja und eure Musik, Wirksystem, ist lebendig! Doch was macht sich hier breit? Ja richtig! Ein Wurm den sie Ohr nannten, weil er sich in deinem Gehirn einnistet, über Schall und dein Gehirn. Ja! Wirksystem ist mit diesem tiefgründigen Refrain ein echter Ohrwurm gelungen! Beatvariation, Taktwechsel und ein inspirierendes Sounddesign inklusive! Mit Alles Was Ich Will schwenken Wirksystem dann um und präsentieren sich plötzlich mit Reggaeeinflüssen, aber auch nur am Anfang und plötzlich hauen sie extrem heftigen Metalcore oder Heavycore raus? Knüppelhart und das auch nur in Abschnitten und schwenken sich zwischen den funkigen Klängen und knüppelharter Heavyness, die perfekt komponiert und eingezimmert wurde. Synthesizer zieren das Arrangement des harten Teil. Verdammt ich Beiße gleich in meine Tastatur! Wie geil ist das!? Es geht inhaltlich hierbei um das Glück eines jeden Menschen und das es oftmals so vorkommt, dass es einfach wie Krieg ist im Leben zur Zufriedenheit- eben dem Glück zu kommen. Drummer, Gitarrist und Bassist sind hier eine gestandene Einheit, die prächtig miteinander funktioniert und unter Ausdrucksform eines fantastischen Sounddesigns diesen Song lebendig werden lassen. Hierbei sind sie ein gestandenes Fundament für den schlagzeugspielenden Sänger, dessen Stimme sowohl in den ruhigen-, als auch in den harten Momenten des Arrangements prächtig funktioniert.

Schluck Alles eröffnet mit einer Flangegitarre, wobei die Band dann schnell wieder drauflosrockt und eine Mischung aus Metal und Core zum Besten gibt. Erneut stellen Wirksystem ihr Können als Composer, Musiker und Lyriker und Sänger heraus. Verdammt was ist das? Heavy Rock mit Elementen des  flotten Surf Rock und Electro im Wechselbad der Gefühle! Inhaltlich geht es hierbei darum, dass man sich nicht alles Gefallen lassen soll. Interessante Synthesizervariationen zieren das Arrangement und zeigen einmal mehr das vielseitige und kreative Werken einer Band, deren Name nicht hätte besser gewählt werden können. Inhaltlich geht es dabei darum, dass man sich im Leben nicht alles gefallen lassen sollte und sich nicht alles gefallen lassen sollte. Die Songs von Wirksystem bleiben direkt hängen und gehen gut ins Ohr und so wundert man sich, warum diese Band nicht in der Liga der ganz Großen spielt, denn sie sind mit ihrem metallastigen Stilmix, der verschiedene Genres inkludiert einfach nur Top! Langsam und zärtlich leitet dann Herbst ein und wird geziert von akustischen Gitarren und epischen Synthesizern zum tragenden Fundament für einen höchst philosophischen Text. Derartig – IM VERHÄLTNIS – gehaltene sanfte Töne war man zunächst gar nicht gewohnt, doch dies täuscht, denn fließend schlagen Wirksystem doch etwas um und hauen verzerrte Gitarren im letzten Viertel des Songs raus, bevor der Track mit der schönen Klangmelange der Akustikgitarre beendet wird.

Mal im Ernst: Im Crossover gibt es gute-, und fantastische Bands und Wirksystem sind hierbei letzteres. Nicht nur, dass sie kompositorisch einfach ihre eigene Messlatte hoch setzen, Nein! Sie lassen diese Kompositionen auch ambitioniert und fantastisch mit einem gut ausgearbeiteten Sounddesign erklingen. Das Ganze wird dann noch durch lyrisches Talent getoppt, welches von einem durchaus fähigen Sänger vorgetragen wird. Ein weiteres Zeugnis ist das metallastige Lass Es Raus und zeigt sich hierbei als kompositorisch meisterhaftes Werk, welches ein wenig – zumindest von der Rhythmik her – an Nu Metal erinnert. Erneut tiefgründig gehalten und mit einem Text, den man sich zu Herzen nehmen sollte. Perkussive Elemente zieren das Arrangement im Verse. Die Wenigkeit des Rezensenten interpretiert diesen Text so: Das man sein Leben leben soll und es nicht verschwenden, sondern jeden Tag voll auskosten soll. Mehr ist dann ein Song, der wie schon in den ersten Sekunden klar wird, von dem gesellschaftlichen Phänomen handelt, dass ein Mensch immer nach Mehr strebt und unter einem gesellschaftlichen Druck leidet, sodass man schnell das Gefühl bekommt, nicht gut genug ist. Erneut rocken Wirksystem was das Zeug hält und bilden eine musikalische Armee, die mit ordentlich Druck und Power das Arrangement des Songs wirken lassen und dann erneut einen Text zum Ausdruck bringen, den man sich unbedingt zu Herzen nehmen sollte. Denn ehe man sich versieht, droht man wegen genau diesem Mechanismus auszubrennen.

Der Wald leitet mit mächtig Groove ein und wird durch einen etwas düsteren Sound zum Publikum transportiert. Das ist total Crazy, denn der metallastige Sound wird kurzerhand von Drums aus dem Jungle unterbrochen um dann in sein klassisches Heavy Muster umzuschalten. Mit minimalistischer Instrumentenführung wird der Verse getragen, der hierbei nicht aufwändig ist, aber genau das macht das Arrangement effektiv. Getreu dem Motto: ,;Weniger ist manchmal mehr‘ kommt das Ganze rüber und erneut zeigen Wirksystem ihr lyrisches und musikalisches Talent und verbinden kompromisslose Heavyness mit einer düsteren Atmosphäre und lyrischer Tiefgründigkeit. Thematisch passend eröffnen Wirksystem dann Ich Will nach Hawaii mit Ukulelenklängen und einem elektronisch wirkenden Drumbeat. Doch wer jetzt glaubt, dass wir gleich mit Palmenröcken tanzen, der irrt: Wirksystem hauen kurze Zeit darauf im Refrain wieder mächtig auf die Ananas und geben ihre gewohnte, metallastige Heavyness zum Besten. Sowohl im ruhigen-, als auch im aggressiv drückenden Jargon kann der Sticksschwingende Christopher Fuhrhop mit seinem Gesang überzeugen.

Auf Schein tanzen Wirksystem dann metallastig den Heavy-Tango und liefern gewohnte-, gute Riffstruktur auf die der aggressive Gesangsstil gebettet ist. Erneut mit textlicher Kunst, die einfach nur die Wahrheit aussprechen! Ruf Mich An ist dann erneut zügiger Heavy Rock, in gewohnter Wirksystem Qualität und dann ein kleinwenig durch die Riffstruktur an Toxicity erinnert. Endgültig baff bin ich durch die stilistische Variation, als mit Rotary-Effekten versehene Orgeln dann den Gesang zwischenzeitlich zum Tragen bringen. Wirksystem nehmen kein Blatt vor den Mund und schaffen es durch das gesamte Album hinweg einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Wah Wah effektierte Gitarren zieren dann das Arrangement von Die Reise in welche man sich gerne hineinvertieft. Unglaublich geile Arrangements und Sounddesigns sind hier so obligatorisch-, wie kompositorische Finesse und lyrisches Talent. Mit dem von Ethnoklängen durchsetzten Der Film bei welchem Shlagwerk als Featuregast zum Einsatz kommt, schließen Wirksystem das Album Hawaii auf düstere Art ab, welche ein wenig an Oomph! erinnert. Somit wird ein gelungenes Crossover Album zum Abschluss gebracht – Chapeau!

Fazit: 10 von 10: Volltreffer: Liebhaber des harten Rock mit hang zum experimentellen-, avant gardistischen und dem Genreübergreifenden Crossover, DÜRFEN Hawaii von Wirksystem auf KEINEN FALL an sich vorbeiziehen lassen!

Mehr zu Wirksystem im Netz:

Wirksystem – Die offizielle Webseite:
http://www.wirksystem.de/

Wirksystem bei Apple Music anhören:
https://music.apple.com/artist/wirksystem/1522572934

Wirksystem bei Spotify anhören:
https://open.spotify.com/artist/1uUgGC5rWAKnT3qvtksJ5Y

Reviews